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Zurück ins Leben – eine moderne Ostergeschichte

Posted on:23. März 2016

Author:Markus Köhler

Category:Archiv, Denkanstöße

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Sie sitzt an ihrer Supermarktkasse, als die Zahlen auf der Anzeige verschwimmen. Plötzlich kann die damals 37-jährige Sylke W. die Waren nicht mehr über den Scanner ziehen, sie fühlt sich schwindlig. Auf dem Weg ins Lager fällt sie gegen Regale. „Ich dachte, es ist der Kreislauf“, erzählt die dunkelhaarige Frau, „zu viel Stress, zu wenig getrunken“.

Der Arzt tippt auf Kreislaufprobleme, bis sie einen Mundwinkel unnatürlich verzieht. Er ruft einen Rettungshubschrauber. Sie wird notoperiert, die Ärzte entfernen eine Hälfte ihrer Schädeldecke, um den Druck im Gehirn zu verringern und ihr Leben zu retten. Ein winziger Blutpfropfen war ins Hirn geschossen, hatte die Gefäße verstopft und zum Schlaganfall geführt. Das war im September 2009.

„Was wichtig ist und was nicht, sehe ich jetzt anders“

Ihr Anblick hat sich in die Erinnerung ihres Lebensgefährten Thomas M. eingebrannt: „Kahlgeschoren, die Schädeldecke fehlte, überall Schläuche und Maschinen“, erzählt er. Die Ärzte prognostizieren: massive Schäden im Gehirn, drastische Lähmungen, lebenslang Rollstuhl. Wie sollte die Familie das durchstehen – organisatorisch, psychisch, finanziell? W. hat zwei Kinder, M. ist aber nicht der leibliche Vater, beide nicht verheiratet. Um für alle da zu sein, gab er seinen Beruf auf und versuchte sich als Hausmann, kontrollierte Schulaufgaben, spielte Taxi.

Wenn das Paar, das im Landkreis Erding rund 50 Kilometer östlich von München lebt, nebeneinander auf der Couch sitzt, liefern sie ein gegensätzliches Bild. Während W. lächelt, wirkt M. erschöpft und nachdenklich. Seine Haut ist blass. Mehr als zehn Kilo hat er abgenommen. „Was wichtig ist und was nicht, sehe ich jetzt anders“, sagt er und versucht zu lächeln.

Sie wird nie vergessen, wie ihr eine Fliege den Arm hinaufkrabbelte

Lebenslange Behinderung stand für W. nie zur Debatte. Binnen vier Wochen schaffte sie es, aus dem Rollstuhl aufzustehen, erst mit und schließlich ohne Stock zu gehen. Schritt für Schritt entwickelte sie sich zum zweiten Mal in ihrem Leben vom hilflosen Kleinkind zu einem Menschen, der seine Gabel selbst halten und in einen Bus einsteigen kann. Den Sommernachmittag, an dem sie zum ersten Mal wieder spürt, dass eine Fliege ihren Arm hinaufkrabbelt, wird sie nie vergessen.

„Im Krankenhaus hatte ich immer wieder den Traum, dass ich im Supermarkt den Getränkepfandautomaten putze“, erzählt W. „Sie wollte das so sehr, da haben wir sie als Aushilfe wieder eingestellt“, bestätigt ihr Chef Rene Beimers. Für W. sind die fünf Stunden Arbeit in der Woche motivierender als Therapie. „Besonders glücklich war ich, dass ich noch alle Nummern für Obst und Gemüse wusste“, sagt sie.

Engelfiguren geben ihr neuen Mut

Um den Hals trägt die heute 38-Jährige einen Engel und ein Kreuz. Sie erzählt von einem Traum, in dem ihr ihre tote Mutter erschienen ist. W., die bis zu diesem Tag nicht mit Religion in Berührung gekommen war, bezeichnet das als Schlüsselerlebnis. Seitdem geht sie ab und zu in die Kirche, hat Glaubenskurse besucht. Während sie das erzählt, ist M. still – er hält nichts von der Spiritualität seiner Freundin. Doch solange sie ihr guttut, lässt er sie machen. Und erträgt die Engelfiguren, die W. in der Wohnung verteilt hat.

Das Laminat im Wohnzimmer ist blitzeblank. Wem das zu verdanken ist? „Ich habe gestern gestaubsaugt“, sagt sie. „Ich habe heute feucht gewischt“, sagt er. Dass sie noch nicht alles wieder selbst erledigen kann, wurmt die 38-Jährige. Doch obwohl es auf den ersten Blick kaum auffällt – alles ist eben nicht wie früher. Leicht zieht sie das Bein nach, der Arm ist träge.

„Man weiß nicht, wie stark man sein kann“

Als ihr Lebensgefährte sagt, sie sei ein anderer Mensch geworden, will sie das nicht hören. „Abwarten!“, unterbricht sie ihn. Und als er davon spricht, dass er erfolglos versucht, wieder in seinen Beruf einzusteigen, sprudelt sie dazwischen: „Deshalb werde ich schnell fit – dann bringe ich uns durch!“

Manchmal möchte man die quirlige Frau bremsen, so unglaublich erscheinen die Fortschritte, die sie schon gemacht hat. Andererseits ist es diesem unersättlichen Willen zu verdanken, dass sie es – entgegen der Prognosen und anders als der Großteil der Schlaganfall-Patienten – zurück in ein beinahe normales Leben geschafft hat. „Man weiß nicht, wie stark man sein kann, bis man keine andere Wahl mehr hat“, resümiert Thomas M. Wie viel Wahrheit in dieser Weisheit steckt, hat die Familie in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen.

(nach: http://www.bayern-evangelisch.de/www/glauben/zurueck-ins-leben-eine-moderne-ostergeschichte.php, abgerufen am 7.4.12)

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