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Wie Software die Welt „frisst“

Posted on:7. September 2016

Author:Markus Köhler

Category:Denkanstöße, IT

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Vor etwas mehr als 5 Jahren erblickte ein Zitat das Licht der Welt. Ein Zitat von Marc Andreessen. Er schrieb:

software is eating the world

(Quelle), zu deutsch: Software isst die Welt auf. Was zunächst einmal überzogen und unwirklich erscheint, wird bei näherer Betrachtung immer zutreffender.

Das erste Computerprogramm entstand im Jahr 1949, damals noch mit Lochkarten in einem Röhrenrechner, die Ausgabe erfolgte auf Fernschreiber. Technologien, die heute so fern sind, dass man sie in unserer Generation höchstens von Erzählungen kennt. Aber dennoch waren sie die Grundsteine für moderne Computer.

Weit vor der Zeit von Computern, um die Geburtsstunde Jesu Christi im Jahr 0 herum, schufen sich manche Herrscher eine „Blase“ um sich herum, abgeschirmt von schlechten Nachrichten oder Unbeliebtheit beim Volk; namentlich Kaiser Nero. Das führte letztendlich damals zu seinem Suizid, als die Realität ihn einholte.

Heute, über 2000 Jahre später, gibt es dasselbe Phänomen – bloß nicht bei Kaisern, sondern bei jedermann. Wir kapseln uns von der Außenwelt ab, durch Technologie. Heutzutage nennt man das „Filter Bubble“, Filterblase. Jeder kann sich im Internet eine virtuelle Welt schaffen und vollkommen darin abtauchen, gar die Persönlichkeit bzw. Psyche kann sich maßgeblich verändern durch Internetkonsum.

Mobbing ist allgegenwärtig. Man muss sich nicht mehr physisch treffen um jemanden zu mobben, das erledigt man heutzutage bequem vom heimischen Sessel aus, im Internet. Ein sehr negatives Beispiel, wie wir die Technologie heutzutage nutzen. Aber es geht noch negativer. Kriege. Vom Ersten und Zweiten Weltkrieg kennen wir Kriege als bewaffnete Konflikte, in denen sich die Konfliktparteien gegenüber stehen und mit scharfen Waffen gegenseitig ihre Vormachtstellung zu demonstrieren suchen. Bewaffnete Kriege? Obsolet. Heutzutage passiert Krieg im Internet. Cyber-War, Cyber-Krieg. Statt einem großen Militär benötigen moderne Staaten zunehmend eine große Cyber-Armee, professionelle Hacker, die in der Lage sind, andere Staaten wirtschaftlich und intellektuell zu schädigen. Es wird gemunkelt, der Iran hätte heutzutage die weltgrößte Cyber-Armee.

Die Ursache dafür ist nicht schwer zu finden. Vor etwa 5 Jahren kam ein wirklich ausgeklügelter Computer-Virus an die Öffentlichkeit: Stuxnet. Offensichtlich entwickelt von den USA und ihren Verbündeten, programmiert um das iranische Atomprogramm zu (zer)stören. 1000 Zentrifugen wurden regelrecht zerfetzt durch Stuxnet. Wirtschaftlicher Schaden, verursacht durch Software. Die NSA bezeichnet Stuxnet rückblickend als amateurhaft, nachdem die New York Times es zuvor „höchstentwickelte Cyber-Angriffswaffe, die es je gab“ nannte – nur ein leichtes Anzeichen dafür, was mit Software alles möglich wird. Man hört, bis heute wäre der gesamte Staatsapparat im Iran unter verdeckter amerikanischer Kontrolle. Dieser Konflikt wird im Film „Zero Days“ dokumentarisch näher beleuchtet.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Rechtssicherheit. Faktisch gibt es heutzutage noch keine wirkliche Rechtssicherheit im Internet, die Regelungen, Vereinbarungen, Abkommen werden erst gemächlich erdacht, verfasst und ratifiziert. Für bewaffnete Konflikte gibt es nicht umsonst die Genfer Konventionen zur Festlegung des internationalen humanitären Völkerrechts. Für Zivilpersonen interessant ist vor allem das Genfer Abkommen IV, „über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten“. Darin heißt es beispielsweise:

geschützte[…] Personen haben unter allen Umständen Anspruch auf Respekt ihrer Person, Ehre, familiären Bindungen, ihrer religiösen Überzeugungen und Gebräuche und ihrer sonstigen Gewohnheiten (Artikel 27). Sie sind ohne jeden Unterschied unter allen Umständen menschlich zu behandeln und vor Gewalt, Bedrohung, Beleidigung, Erniedrigung und öffentlicher Neugier zu schützen. Frauen ist besonderer Schutz vor Vergewaltigung, erzwungener Prostitution und sonstigen unzüchtigen Angriffen gegen ihre Person zu gewähren.

(Quelle: Wikipedia)

Solch ein Reglement gibt es – man ahnt es fast – für Krieg im Internet nicht. Alles ist erlaubt. Und wenn schon Zerstörung von Zentrifugen eines Atomkraftwerks als „amateurhaft“ bezeichnet werden, möchte man sich nicht ausmalen, was an kriegerischen Handlungen im Internet sonst noch so vorbereitet, veranlasst oder ausgeführt wird. Jede Minute, jede Sekunde, tausendfach. Von verteilten Botnetzen, unkontrollierbar, unbeherrschbar, nicht nachverfolgbar.

Am liebsten möchte man sich gar keine Gedanken darüber machen. Aber es gehört nunmal zum Arbeitsalltag eines Softwareentwicklers, aber  auch eines Netzwerk-Administrators, solche Gefahren zu kennen und alle Vorkehrungen treffen zu können, um die üblichsten Attacken abwehren zu können.

Software steckt in Autos, Radios, Handys, Routern, Set-Top-Boxen, Tablets, Kühlschränken, Heizungen, Solaranlagen, Windkraftanlagen, und vielen weiteren technischen Errungenschaften der heutigen Zeit. Fast möchte man sagen, es gibt nichts, was nicht zumindest entfernt von Software gesteuert wird. Ob es die Buchhaltung in Unternehmen oder der Fahrplan der Bahn ist, alles läuft über Software und/oder das Internet. Und somit ist alles von mittelmäßigen Softwareentwicklern angreifbar. Selbstverständlich gibt es White Hat vs Black Hat Hacker, die einen versuchen Lücken zu schließen bevor die anderen sie ausnutzen können. Aber das ist eben auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

In diesem Zusammenhang ist es sehr bemerkenswert, dass Computer schon so kognitive Fähigkeiten erlernen können, selbst Software zu entwickeln um Lücken in Software auszunutzen bzw. zu schließen. Ganz ohne menschliches Zutun, und in immer rasanterem Tempo. Somit wird sich der technische Fortschritt immer weiter beschleunigen. Der ultimative Schritt sind Quantencomputer, die 100 Millionen mal schneller rechnen sollen als ein heutiger Hochleistungs-Rechner.

Und mitten in all diesem Chaos zwischen Fortschritt und Gefahr sitzt der Ottonormal-Verbraucher vor seinem PC zuhause und surft im Internet, ja ließt gerade diesen Blog-Artikel.

q.e.d.

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