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Schöne neue Welt – wie Technik die Menschen überholt

Posted on:19. Juni 2016

Author:Markus Köhler

Category:Denkanstöße, Kritik/Empfehlung

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In seinem neuen Dokumentarfilm „Schöne neue Welt“ schaut Claus Kleber eindrucksvoll hinter die Kulissen des Silicon Valley und erkundet dabei, wie Technologie unser Leben in Zukunft grundlegend umkrempeln wird.

Nicht zu Unrecht gilt das Silicon Valley bei San Francisco an der Westküste der USA in Kalifornien als das „Tal der Technologie“ und wegweisend für alle großen, teuren und visionären Projekte und Technologien. Es ist das Zuhause von Weltkonzernen wie Google, Facebook, Twitter, Apple, Yahoo und vielen, vielen weiteren, die in unserem heutigen Leben allgegenwärtig sind und die Zukunft aktiv mitgestalten. Dort wurden Konzepte wie „Share Economy“ entwickelt, das bahnbrechend die gemeinsame Nutzung von Ressourcen oder Wissen vorantreiben soll.

Sebastian Thrun ist eines der „Superhirne“ im Silicon Valley. Er hat bei Google das selbstfahrende Auto mitentwickelt und war Forschungs-Chef und Vizepräsident von Google, ist Professor an der renommierten Stanford University und hat die Online-Akademie Udacity ins Leben gerufen. Ebenso baute er Googles geheime Forschungsabteilung „X“ mit auf, deren Chef aktuell Astro Teller ist. Google X entwickelte Projekte wie Google Glass, selbstfahrende Autos, vernetzte Kontaktlinsen, Satelliten-Internet für abgelegene Gegenden, sowie eine Online-Plattform für Architekten.

Nicht so breit gefächert wie Google, aber nicht minder innovativ, sind andere im Silicon Valley beheimatete Firmen wie Airbnb, die über ihre Plattform Privatwohnungen als Übernachtungsmöglichkeiten vermitteln, oder Uber, die Taxi-Dienste revolutionieren und digitalisieren wollen. Interessant ist dabei, wie all diese Unternehmen um die besten Mitarbeiter buhlen – dadurch entsteht eine komplett neue Arbeitsphilosophie und -atmosphäre. Die Büros von Airbnb beispielsweise sind den vermieteten Privatwohnungen nachempfunden, es gibt keine festen Arbeitsplätze, jeder lässt sich jeden Tag an einem neuen Platz nieder. Facebook hingegen hat das wohl größte Großraumbüro der Welt, das eher an einen Coworking-Space erinnert – mit einer Architektur, die besagt: „Wir sind nie am Ziel, müssen stets an unseren Ideen arbeiten“.

Viele dieser Unternehmen arbeiten im Bereich der Robotik bzw. künstlichen Intelligenz (KI oder AI) oder angrenzenden Bereichen. Ein omnipräsentes Thema ist dabei die schöpferische Zerstörung: die Annahme, dass durch jede technologische Neuentwicklung eine ältere, bereits eingelebte Technologie weichen muss. In wie weit das auf Roboter zutrifft, unterliegt heftigen Diskussionen. Dass Roboter menschliche Arbeitnehmer in vielen Berufen überflüssig machen werden, dürfte mittlerweile bekannt sein. Doch sie werden auch neue Arbeitsplätze schaffen, allerdings nur in der technischen Wartung und Programmierung sowie Infrastruktur für die Roboter. Wie geht man also mit einer Verdrängung von unzähligen menschlichen Arbeitsplätzen durch die Roboter um? Und wie viel Macht oder Selbständigkeit darf ein Roboter überhaupt erlangen, ohne dass der Mensch die Kontrolle über die Maschinen verliert? Diese und viel mehr ethische Fragen sind noch ungeklärt, werden aber dem Vernehmen nach in den USA viel lockerer angegangen und den Neuentwicklungen viel mehr Raum gegeben, da die Politik mit ihren Entscheidungen und Gesetzen dort drüben viel langsamer, aber auch offener ist als beispielsweise in Europa. Und die Visionäre zieht es deshalb ins Silicon Valley, da es beispielsweise in Deutschland, der technischen und wirtschaftlichen Vorreiter-Nation Europas, an Entscheidungsfreudigkeit und Risikobereitschaft in Wirtschaft und auch Politik mangelt.

Auch die Arbeitsmentalität ist in den USA eine andere als in Deutschland: hierzulande behält man seinen Job am liebsten über Jahre oder gar ein ganzes Leben, was aber immer mehr der amerikanischen Hire&Fire-Mentalität weicht, also schnellen, kurzfristigen und risikoreichen Jobwechseln. Auch das ist ein Grund, weshalb die Unternehmen im Silicon Valley sich so einen verbitterten Krieg um ihre besten Mitarbeiter liefern müssen – aber es kurbelt selbstverständlich auch den Fortschritt und Wettbewerb an. Eine vernehmlich deutsche Idee trifft man neuerdings auch in den USA, nämlich die des bedingungslosen Grundeinkommens: die Idee dahinter ist, dass jeder Mensch frei sein sollte, zu tun und zu lassen was er gerne möchte, ohne Zwang einem Beruf nachzugehen und Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Zusätzlich interessant wird dieses Konzept auch im Hinblick auf die zunehmende Automatisierung und Roboter statt Menschen in allen möglichen Berufen: durch ein bedingungsloses Grundeinkommen müsste man sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob man Arbeit findet oder nicht und wird durch die Roboter nicht in die Arbeitslosigkeit bzw. Armut abgedrängt.

Ein weiteres, höchst interessantes und die Entwicklung vorantreibendes Unternehmen im Silicon Valley ist Autodesk: mit ihren Robotern und ihrer Software können beispielsweise vollautomatisiert neue Architekturen entworfen werden, die effizienter sind als es ein menschlicher Architekt je planen könnte. Leichtbau-Stühle, material- und kosten-effiziente Gebäude wie Wolkenkratzer, oder gar passgenaue, modische Kleider als 3D-Druck aus Nylon. Laut der Vision von Autodesk soll man bald beispielsweise ein Foto von sich hochladen können und der Computer erzeugt basierend auf dieser Körperform und -maße ein modisches Kleid, fertigt es direkt per 3D-Druck an und versendet es, etwa per Drohne, direkt an den Besteller. So kann aus einem Traum innerhalb von Stunden Realität werden. Und in diesem wahnwitzigen Tempo bewegt sich die gesamte Innovation im Silicon Valley.

Einer der Top-Visionäre dieser Tage ist Elon Musk. Der Gründer und Begründer von Tesla Motors, die hochwertige Elektroautos herstellen, SpaceX, einem privaten Raumfahrtunternehmen, und HyperLoop, dem Konzept eines Hochgeschwindigkeits-Zuges, hat auf der diesjährigen Code-Konferenz einige krasse Theorien aufgestellt. Beispielsweise ist er der Ansicht, dass wir möglicherweise in einer Computer-Simulation leben, ohne es zu wissen. Musk erklärte, dass es im Hinblick auf die unglaublichen Fortschritte im Bereich der Videospiele und der künstlichen Intelligenz für ihn sogar sehr wahrscheinlich sei, dass es irgendwann so ausgeklügelte Simulationen geben werde, dass die simulierten Subjekte sich für real halten werden. Wenn das stimme, dann ließe sich auch nicht ausschließen, dass wir bereits Teil einer solchen Simulation seien.

Ein anderes großes Thema dieser Tage ist die Virtuelle Realität. Samsung arbeitet zusammen mit Facebook, die vor Kurzem den VR-Spazialisten Oculus aufgekauft haben, an bahnbrechendem Fortschritt im diesem Bereich. Virtuelle Realität kann beispielsweise in der Bildung, Forschung und auch in der Medizin angewendet werden, um in eine komplett andere Umgebung einzutauchen, und damit fokussierter lernen zu können, ein kreatives Selbstbewusstsein aufzubauen, oder im Bereich der Medizin etwa Operationen gezielter vorbereiten zu können. Auch der 3D-Druck kommt immer mehr in der Medizin zum Einsatz: mittlerweile lässt sich sogar schon lebendes Gewebe 3D-drucken, wie etwa ein Herz, eine Niere, ein Bein, also ist es auch nicht mehr weit bis zum vollständig künstlich erzeugten Lebewesen – und in diesem Fall nicht geklont, sondern gedruckt. Ein „moralisches Minenfeld“ in der technologischen und biogenetischen Entwicklung, wenn plötzlich Menschen von einem Computer erzeugt würden. Dadurch ließen sich allerdings auch größere Schäden anrichten, etwa wenn man für unsere Umwelt schädliche Organismen künstlich erzeugen würde, die unser gesamtes Ökosystem durcheinander bringen könnten – eine bisher nicht einzuschätzende Gefahr durch Technologie und Maschinen.

Ein Twitter-Nutzer fragt sich zu recht selbst:

„Schafft der Mensch sich selber ab? Oder wird er Teil der Virtualität?“

Vor 10 Jahren noch wäre all das undenkbar gewesen: Sebastian Thrun wurde damals nahegelegt, er riskiere seine Karriere, wenn er sich mit selbstfahrenden Autos beschäftigte – heute sind seine Visionen nahezu Realität. Ideen sind wichtiger geworden als Materielles – im Silicon Valley zählen teure Autos, Jachten, Villen heute nicht mehr so viel wie teure Visionen. Manche wurden durch die New Economy zu hart schuftenden Arbeitsnomaden, weil sie auf das große Business gehofft hatten – andere verdienen Millionen damit, Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Die USA sind ein wichtiger Motor dieser Entwicklung – die EU hinkt noch hinterher und hat unter Umständen das Potential gefährliche Fortschritte zu bremsen. Gegensätze in allen Bereichen also, die dafür sorgen, das unser heutiges Leben in Zukunft genauso unvorstellbar sein wird wie wir über die heutige Zukunft noch im 20. Jahrhundert dachten.


  • „Schöne neue Welt“ in der ZDF Mediathek: externer Link
  • Claus Kleber über seinen Film „Schöne neue Welt“:

 

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